„WIR KRIEGEN EUCH ALLE!“  


Immersives Dokumentartheater und Musikperformance von Diana Wesser und Juliane Meckert  in Zusammenarbeit mit dem Musiker Hans Narva (Gründungsmitglied der DDR-Punkband
Herbst in  Peking) .

Ein Projekt über die letzten Tage der DDR und die chaotischen und gewaltvollen Jahre, die der Wiedervereinigung folgten. In Zusammenarbeit mit früheren DDR-Punkmusiker*innen widmen wir uns der Thematik in einem  mehrmonatigen Prozess. In Form von teils öffentlichen Workshops, Diskussionen, Showings und anderen Formaten an verschiedenen relevanten Orten, erforschen wir gemeinsam das Thema in seiner gesamten Breite. Die Ergebnisse des Prozesses fließen  in eine Koproduktion mit dem LOFFT – DAS THEATER (Leipzig) ein – Premiere ist am 18.November 2022.

                                                                Eine Gesellschaft ist, woran sie sich erinnert. Albert Wendt
                                Ostdeutschland ist ein Ort, der nach 1990 entstanden ist. Sabine Rennefanz 

Foto: Aram Radomski 

Prozess, Stückentwicklung & Zeitplan – ein langfristiger, offener und nachhaltiger Prozess 


Wir beginnen die Stückentwicklung mit einem langfristigen, teils öffentlichen Workshop-Prozess, in dem wir uns konzentriert mit einzelnen Themenkomplexen auseinanderestzen, wie z.B.:
                 - Punk in der DDR 
                 - Gewalterfahrungen in den Baseballschlägerjahren 
                 - Anarchie und Freiheit 
                 - die Jahre nach der Wende, politische  Situation   
                 - Radikalisierung im Osten 
                 - Jugend nach der Wende zwischen zwei Systemen 
                 - Vergleich Punk im  Osten & Westen 
                 - Selbstermächtigung & solidarische Strukturen in der Szene 
                 - play Punk: Rituale, Körperkult, Selbstinszenierung 
                 - rechte Gewalt & Gegenkultur heute
                 - Ist die Antifa ein weißes Konstrukt? Weiße Opfer– Weiße Täter, welche  
                   Schutzräume gab und gibt es für BIPoC?
                 - Großeltern- Eltern- Kinder im Osten/ Die DDR und die Aufarbeitung der NS Diktatur

Zu den einzelnen Treffen möchten wir je nach Thema Gäste einladen und zu öffentlichen Diskussionen aufrufen, um das Thema größtmöglich zu erweitern, zu  streuen und weitere mögliche Inhalte zu generieren. Wir werden an verschiedne Orte reisen und Zeitzeug*innen besuchen, um bereits Generiertes bewußt zu teilen und zu prüfen. Durch partizipative, offene Spielformate, Showings und Diskursveranstaltungen an verschiedenen Orten (insbesondere in Sachsen), öffnen wir diese Form der Aufarbeitung der Nachwendezeit schon im Vorfeld der Theaterproduktion für eine interessierte Öffentlichkeit und möchten zur Teilhabe einladen.

Wir generieren Text, Video und Tonmaterial, das in die  Inszenierung einfließt.

Projektbeschreibung

Der wilde Osten

Am 3. Oktober 1990 wurde die Wiedervereinigung feierlich besiegelt. Doch damit fängt die Geschichte erst an.  Kaum jemand spricht heute über die chaotischen letzten Tage der DDR und das gewalttätige Jahrzehnt, das  Ostdeutschland danach erlebte. Es sind die Jahre von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda und es war  die Zeit, in der die Terrorzelle NSU entstand. In dieser gefährlichen Phase, in der Neonazis, die es auch schon  in der DDR gab, die kulturelle und reale Hegemonie in weiten Landstrichen hatten, waren brutale Überfälle von  Rechtsradikalen vielerorts ostdeutscher Alltag. Praktisch jede:r konnte jeden Tag zum Opfer rechter Gewalt  werden, weil häufig der Schutz durch die Polizei fehlte. Eine Art rechtsfreier Raum entstand: der wilde Osten. Es herrschte eine Art Anarchie, die den Neonazis freies Walten möglich machte. Diese Anarchie begünstigte  auch eine lebendige linke Subkultur, die jedoch aufgrund der gewaltbereiten, sich ständig mobilisierenden  Rechten in ständiger Gefahr lebte. „Wir kriegen euch alle!“ riefen Neonazis ihren Opfern hinterher. Es war aber  auch der Titel eines 1991 erschienen Albums der DDR Punkband Feeling B. Vor diesem Hintergrund möchten wir das Thema in Form eines inszenierten Konzerts auf die Bühne bringen.

Im Rahmen ihrer #takecareresidenz 2021 am LOFFT sprach Diana Wesser mit zahlreichen Zeitzeug*innen der Baseballschlägerjahre. In den  Gesprächen erfuhr sie vom „Bordsteinkantenbeißen“, von allgegenwärtiger Angst und massiver, traumatisierender Gewalterfahrung. Dem gegenüber stehen Geschichten von erkämpften Freiräumen und Solidarität, von  alternativen Lebenskonzepten und Punkkonzerten. Die Neunziger und Nullerjahre in Ostdeutschland sind im Allgemeinen und im Kontext Rechtsextremismus so gut wie nicht aufgearbeitet. Noch immer gibt es wenig öffentliche Diskussionen über die Ursachen und Auswirkungen.

Wer Ostdeutschland verstehen will, muss die Zeitebenen vor, während und nach dem Umbruch miteinander verbinden. Ohne die Geschichten dieser chaotischen und auch brutalen Zeit ist auch das Erstarken rechter und neonazistischer Gruppen und der Erfolg der AfD nicht zu verstehen, denn diese Jahre ragen weit ins Heute. 

Es ist Zeit, über diese Jahre der blanken Anarchie und die Folgen zu sprechen, die diese für die Zivilgesellschaft und die Generation derjenigen hatte, die damals jung waren. Dazu gehört auch, den Widerstand gegen die Rechten zu beschreiben, wie dieser ablief und wie man sich organisiert hat. Die Lebensrealität im Osten wurde lange als Untersektion der deutschen Geschichte abgetan und nicht als gesamtdeutsch wahrgenommen. Das Projekt „Wir kriegen euch alle!“ ist der Versuch, über das Biografische die Relevanz dieser Erfahrungen deutlich zu machen und eine Erinnerungslücke in der gesamtdeutschen Geschichtsschreibung zu schließen.

Wir möchten das Thema in Form eines szenischen Konzerts auf die Bühne bringen. Dafür gründen wir eine „Zeitzeugen-Band“. Aktuelle Bandmitglieder sind: Hans Narva (Herbst in Peking, The Inchtabokatables), Bernd Stracke (Wutangall, L'Attentat), Key Pankonin (Die Firma, Ich-Funktion) Titus Jany (The Inchtabokatables, GrüßAugust) und Torsten "Pegman" Füchsel (Rosengarten, Herbst in Peking). Wir eröffnen ein zeitliches Narrativ, in dem wir über die Schnittstellen politischer Identitäten einen zeitlichen Bogen spannen der bis in die Gegenwart reicht. Über die Musik und das Biografische soll die Relevanz dieser Erfahrungen im gesamtdeutschen (Theater-)Kontext herausgearbeitet werden. Durch partizipative, offene Spielformate, Showings und Diskursveranstaltungen an verschiedenen Orten (insbesondere in Sachsen), öffnen wir diese Form der Aufarbeitung der Nachwendezeit schon im Vorfeld der Theaterproduktion für eine interessierte Öffentlichkeit. Der Theatersaal  wird zu: Punkkonzert, Jugendclub, Fightclub, Plattenbau, Straßenbahn, Fernseh-Ecke mit Multifuti – es darf  getanzt werden! Die Texte, Szenen und Musik werden wir in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit den  beteiligten Musikern entwickelt. Wir werden ein zeitliches Narrativ eröffnen, in dem wir über die Schnittstellen  politischer Identitäten einen zeitlichen Bogen spannen, der von der NS-Zeit bis in die Gegenwart reicht.  

Premiere: LOFFT – DAS THEATER (Leipzig):  18.11.2022

Über uns

Eine Produktion von WESSER/MECKERT in Koproduktion mit LOFFT – DAS THEATER (Leipzig), Premiere: 18.11.2022
Konzept, Regie, Text, Sound: Juliane Meckert und Diana Wesser
Musikalische Leitung: Hans Narva


Zeitzeugenband / Performer: 

Hans Narva (Herbst in Peking, The Inchtabokatables), Bernd Stracke (Wutangall, L'Attentat), Key Pankonin (Die Firma, Ich-Funktion) Titus Jany (The Inchtabokatables, GrüßAugust) und Torsten "Pegman" Füchsel (Rosengarten, Herbst in Peking)
Gäste: Ingo Hasselbach,  M. Kruppe u.a.
Beratung: Anna Stiede

Bühne: Friedrich Hartung und Johannes Burgmayer
Kostüm: Muriel Kunkel und Carlotta Huck
Video: Thilo Neubacher und Konrad Behr

Produktionsleitung: Gina Zimmermann
Regie- und Produktionsassistenz: Anika Fey
Öffentlichkeitsarbeit: Claudia Laßlop

 

Eine Produktion von WESSER | MECKERT in Koproduktion mit LOFFT – DAS THEATER, gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR und der Kulturstiftung des Freistaat Sachsen. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushalts. Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Leipzig und die Amadeo Antonio Stiftung. Mit freundlicher Unterstützung der Gedenkstätte Bautzen und des Hanse 3 e.V.