„WIR KRIEGEN 

EUCH ALLE!“  


Immersives Dokumentartheater und Musikperformance von WESSER | MECKERT & BAND
mit Torsten „Pegman“ Füchsel, Titus Jany, Hans Narva, Key Pankonin & Bernd Stracke


Ein Projekt über die letzten Tage der DDR und die chaotischen und gewaltvollen Jahre, die der Wiedervereinigung folgten: die sogenannten „Baseballschlägerjahre“. In Zusammenarbeit mit fünf früheren DDR-Punkmusikern entstand die Performance in einem mehrmonatigen, teils öffentlichen Prozess. Es wird laut, es wird wild, es wird zart. Der Theatersaal wird zu: Eckkneipe, Kirche, Wohnzimmer, Plattenbau, Punkkonzert – es darf getanzt werden!

Eine Produktion von WESSER | MECKERT 
in Koproduktion mit LOFFT – DAS THEATER (Leipzig)  
Premiere: 18.November 2022

"WIR KRIEGEN EUCH ALLE!"

"Wir kriegen euch alle!“ riefen Neonazis ihren Opfern hinterher. Es war auch der Titel eines 1991 erschienenen Albums der DDR-Punkband Feeling B. Die Performance „Wir kriegen euch alle!“ ist ein Stück über die letzten Tage der DDR und die chaotischen und gewaltvollen Jahre, die der Wiedervereinigung folgten; eine Zeit, die aktuell auch unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre in Erinnerung gerufen wird. Es ist Zeit, über diese Jahre der blanken Anarchie und die Folgen zu sprechen, die diese für die Zivilgesellschaft und die Generation derjenigen hatte, die damals jung waren. Dazu gehört auch, das Gefühl der Ohnmacht, den Vertrauensverlust in die Staatsmacht und den Widerstand gegen die Rechten zu beschreiben. Dafür haben wir gemeinsam mit fünf früheren DDR-Punkmusikern von so namhaften Bands wie Die Firma, Ichfunktion, Herbst in Peking, L’Attentat, Wutanfall, The Inchtabokatables, Rosengarten und B.Crown eine Zeitzeugenband gegründet. In einer Mischung aus Punkkonzert, Recherchetheater und Performance spannen wir einen zeitlichen Bogen über die Schnittstellen politischer Identitäten, der von der NS-Zeit bis in die Gegenwart reicht.

Vor diesem Hintergrund bringen wir das Thema in einer musikalischen Inszenierung auf die Bühne. Texte, Szenen und Musik wurden in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit den beteiligten Musikern entwickelt. In einer nichtfrontalen Bühnensituation entsteht ein sich wandelnder, immersiver Raum, der die Trennung von Publikum und Darstellern aufhebt. Der Theatersaal wird zu: Eckkneipe, Kirche, Wohnzimmer, Plattenbau, Punkkonzert – es darf getanzt werden! Zwischen Livemusik, performativ-theatral inszenierten Szenen und partizipativen Spielformaten macht die Produktion Opfer und Widerstand sichtbar, eröffnet einen Raum, in dem zugehört wird und lädt dazu ein, gemeinsam auf die Suche nach Antworten und blinden Flecken zu gehen. Die fünf Musiker erobern sich den Raum und nehmen uns mit auf eine Reise. Das Besondere dieser Performance liegt auch in der Offenheit der Darsteller, die zum ersten mal auf einer Theaterbühne stehen und öffentlich von ihren Erfahrungen berichten. In der Auseinandersetzung mit der erlebten Gewalt, dem Chaos der Nachwendezeit und Themen wie der Radikalisierung im Osten, stellen sie sich ihrer eigenen Verletzlichkeit. In dem wir diesen Raum mit ihnen Teilen, bekommen wir einen berührenden Einblick in deutsches Zeitgeschehen und ostdeutsche männliche Biographien, die einerseits sehr divers sind, andererseits durch die Zeit und Generationenerfahrung extrem geprägt. Die Gewalt und die Energie wird spürbar, auch die unendliche Freiheit, die Utopie und die zerplatzten Träume. Eingebettet in Videoprojektionen von historischen Filmaufnahmen und original Schauplätzen werden alle Anwesenden Teil des Zeitgeschehens, zu Kneipengästen, Konzertbesucher*innen und Zeug*innen.

Über das Biografische machen wir die Relevanz der Thematik sichtbar und setzen gleichzeitig dem Bild des „Jammerossis“ eine kraft- und lustvolle Erzählung gegenüber. Optional ergänzt wird die Bühnenarbeit durch eine Installation mit der Videodokumentation des Arbeitsprozesses, Stasiakten über die Verfolgung von Punks und Neonaziaktivitäten in der DDR und einem Fanzine mit exklusivem Material und Hintergrundinformationen.

"Wie es nun `Wir kriegen auch alle!` gelingt, die Folie dieser Realität noch einmal zu spannen, ist famos auch deshalb, weil hier subjektiv zugespitzt und doch differenziert erzählt wird."  Steffen Georgi, LVZ, 21.11.2022

"Das ist definitiv kein Wohlfühlabend, er kommt düster, wenig versöhnlich, in Teilen traumatisch aus der Vergangenheit – und ist vor allem nicht (n)ostalgisch. Unweigerlich fallen seine Schatten auch auf die heutige Zeit."
OFF EUROPA Festival, Leipzig, Mai 2023


Foto: Diana Wesser


Prozess, Stückentwicklung  – ein langfristiger, offener und nachhaltiger Prozess 

Seit Anfang des Jahres 2022 trafen wir uns regelmäßige zu Probenwochenenden und führten teils öffentliche Diskursformate in Leipzig, Dresden, Wehlen, Bautzen, Weimar und Berlin durch. Wir setzten uns konzentriert mit einzelnen Themenkomplexen wie Punk in der DDR,  Radikalisierung im Osten, Jugend nach der Wende zwischen zwei Systemen, play (male) Punk: Rituale, Körperkult, Selbstinszenierung, Schutzräume für BIPoC, die DDR und die Aufarbeitung der NS Diktatur auseinander und tauchten gemeinsam mit den Mitgliedern der Zeitzeugenband und unseren Gästen in die 90er ab. Gemeinsam öffneten wir tausend verschlossene Kisten, durchforsteten Stasiakten, besuchten das KZ Buchenwald und den ehemaligen Stasiknast in Bautzen, trafen weitere Zeitzeug*innen und einen Neonazi-Aussteiger. Einige von uns begegneten in dieser Zeit unerwartet alten Gespenster in Fleisch und Blut. 

 

Wir haben uns gefragt, wie es zu den brutalen Gewaltexzessen im Osten kommen konnte, nachdem in einer viel zu hohen Geschwindigkeit ein kapitalistisches System installiert wurde. In unseren öffentlichen Diskursformaten erfuhren wir, dass das tatsächliche Ausmaß der alltäglichen Gewalt im Osten vor allem bei in Westdeutschland sozialisierten Menschen nur wenig bekannt ist. Wir trafen zum Beispiel einen Politikstudenten, der das erste Mal von dem versuchten Massenmord 1992 in Rostock Lichtenhagen hörte! 

 

Wir sind unterwegs auf unsere ostdeutschen Panzer gestoßen, eine harte Schutzschicht, die wir versuchen wollen, aufzubrechen, haben auseinandergenommen, welche Rolle Punkrock spielte und uns gefragt, inwieweit er ein Schutzraum sein konnte und für wen er das nicht war? Alle paar Tage postete jemand in unserer Signal-Gruppe von einem neuen rechten Anschlag oder Übergriff irgendwo, viel zu oft begleitet von dem Satz: “ein politisches Motiv liegt nicht vor.” Daher stellten wir uns auch die Frage: Sind die #Baseballschlägerjahre eigentlich vorbei?

Dennoch bleiben viel zu viele Leerstellen, denn das Thema ist zu groß, zu tief und zu verstrickt, um es an einem Theaterabend in seiner gesamten Tragweite aufzuarbeiten. "Wir kriegen euch alle!" ist (auch) white male trash. Es verhandelt die Subkultur des ostdeutschen Punkrock, die für viele in den 80ern und 90ern ein Schutzraum und Ventil im Umgang mit DDR- und Wendegewalten bot. Leider galt das nicht für alle, die ebenso solche Räume gebraucht hätten – im Gegenteil. Warum werden weiße ostdeutsche Männer in diesen Zeiten nicht zu Nazis? Was wurde aus den Ängsten – und wer muss(te) die männliche ostdeutsche Härte im Umgang damit tragen? Wohin flossen die tausend unvergossenen Tränen?


Aus diesem Prozess ist ein partizipatives, performatives Vermittlungsformat entstanden, das den Diskurs mit dem Publikum im Nachgang der Performance eröffnet und ihm die Möglichkeit gibt, sich über die Eindrücke der Performance auszutauschen und eigene Erlebnisse zu teilen.

Foto: Diana Wesser

Hintergrund


Am 3. Oktober 1990 wurde die Wiedervereinigung feierlich besiegelt. Doch damit fängt die Geschichte erst an. Kaum jemand spricht heute über die chaotischen letzten Tage der DDR und das gewalttätige Jahrzehnt, das  Ostdeutschland danach erlebte. Es sind die Jahre von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda und es war  die Zeit, in der die Terrorzelle NSU entstand. In dieser gefährlichen Phase, in der Neonazis, die es auch schon in der DDR gab, die kulturelle und reale Hegemonie in weiten Landstrichen hatten, waren brutale Überfälle von  Rechtsradikalen vielerorts ostdeutscher Alltag. Praktisch jede*r konnte jeden Tag zum Opfer rechter Gewalt werden, weil häufig der Schutz durch die Polizei fehlte. Eine Art rechtsfreier Raum entstand. Es herrschte eine Art Anarchie, die den Neonazis freies Walten möglich machte. Diese Anarchie begünstigte  auch eine lebendige linke Subkultur, die jedoch aufgrund der gewaltbereiten, sich ständig mobilisierenden  Rechten in ständiger Gefahr lebte. 


Die Neunziger und Nullerjahre in Ostdeutschland sind im Allgemeinen und im Kontext Rechtsextremismus so gut wie nicht aufgearbeitet. Noch immer gibt es wenig öffentliche Diskussionen über die Ursachen und Auswirkungen. Wer Ostdeutschland verstehen will, muss die Zeitebenen vor, während und nach dem Umbruch miteinander verbinden. Ohne die Geschichten dieser chaotischen und auch brutalen Zeit ist auch das Erstarken rechter und neonazistischer Gruppen und der Erfolg der AfD nicht zu verstehen, denn diese Jahre ragen weit ins Heute. 


Die Lebensrealität im Osten wurde lange als Untersektion der deutschen Geschichte abgetan und nicht als gesamtdeutsch wahrgenommen. Das Projekt „Wir kriegen euch alle!“ ist der Versuch, über das Biografische die Relevanz dieser Erfahrungen deutlich zu machen und eine Erinnerungslücke in der gesamtdeutschen Geschichtsschreibung zu schließen.

Foto: Thilo Neubacher

Eine Produktion von WESSER | MECKERT & Band in Koproduktion mit LOFFT – DAS THEATER (Leipzig)

Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR und der Kulturstiftung des Freistaat Sachsen. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushalts. Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Leipzig und die Amadeu Antonio Stiftung.